Motorradreisen in Osteuropa und Russland

Das Interesse an Reisen nach Osteuropa und Russland ist im Laufe der letzten Jahre deutlich gewachsen. Abzulesen ist das auch an den veröffentlichten Beiträgen in verschiedensten Motorradzeitschriften. Auffällig ist aber auch, dass es noch viele Unsicherheiten und Fehlinformationen zu diesen Reisezielen gibt.

Nach nunmehr weit über 30 Reisen zwischen der deutsch-polnischen Grenze und dem Osten Sibiriens - einige der Geschichten sind veröffentlicht worden - hier einige Gedanken und Erfahrungen zum Reisen in den „Wilden Osten“. Worauf muss ich achten, dass ich gesund und heil und nicht zu sehr geschröpft zusammen mit meinem Motorrad wieder nach Hause zurückkehre.

Was sollte man in jedem Fall gesehen haben?
„Es soll ja sehr schön sein“, so oder ähnlich ist die häufige Reaktion, wenn ich erzähle, dass ich wieder in Osteuropa und Russland unterwegs war. „Aber die Straßen, die Mafia, was mache ich mit meinem Kat und dann die fremden, uns völlig ungeläufigen Sprachen?“ Grundsätzlich kann man überall hin reisen, selbst wenn man nur die eigene Muttersprache beherrscht und Englisch vielleicht nur in Grundzügen. In all diesen Ländern trifft man auf Menschen, die deutsch sprechen. Die jüngeren sprechen z.T. ein hervorragendes Englisch.

Aber auf dem Lande begegnet man zumeist Menschen, die „nur“ ihre  Muttersprache sprechen und das ist auch in den baltischen Staaten oft und zu einem hohen Prozentsatz russisch. Dann hilft nur der Wille zur gemeinsamen Kommunikation. Vieles kann man auch mit Händen und Füßen klären. Ein paar Brocken in der jeweiligen Landessprache sind aber schnell erlernt, ein kleines Wörterbuch, das sich oft im Anhang von Reiseführern findet, hilft gewaltig und öffnet schneller Türen und Tore und vor allem Herzen.

Kartenmaterial und Navigation
Heute ist es eigentlich kein Problem mehr in den Osten zu reisen. Als Hindernisse mögen vor allem aber Fehleinschätzungen der Entfernungen und der lokalen Bestimmungen gelten. Zulässige  Höchstgeschwindigkeiten von 90 km/h und eine regelmäßig kontrollierende Polizei machen beispielsweise eine Fahrt in neun Tagen einmal um die Ostsee, mit Königsberger Gebiet und St. Petersburg oder eine Durchquerung Sibiriens bis nach Wladiwostok schlechterdings nur im Tiefflug möglich und das ist kann doch nicht Sinn einer Motorradreise sein.

Da Touren eigentlich „Entdecken“ bedeutet, ist neben einer Übersichtskarte eine gute Karte in größerem Maßstab unerlässlich, z.B. eine Generalkarte, besser noch eine im Maßstab 1:100.000. Das gilt insbesondere, wenn man sich eine bestimmte Region vorgenommen hat. Diese erhält man vor Ort deutlich günstiger als bei uns und sie liefert für das Zielgebiet noch detailliertere, sehr informative Angaben.

Allerdings muss man auch danach suchen. Nicht jeder Buchladen und nicht jede Tankstelle hat gutes  Kartenmaterial vorrätig. Mit einer kurzen Zeit des Kartenstudiums belohnt Ihr Euch durch eine Vielzahl von Möglichkeiten, abseits der großen Durchgangsstraßen unterwegs zu sein. Auch ein Navi kann sehr von Nutzen sein - ist am Ende der geplanten Strecke voraussichtlich wieder auf eine Straße zu treffen?

Allerdings sind, sofern überhaupt verfügbar, die Detailkarten für die meisten osteuropäischen Staaten nur gegen einen Extrapreis zu erwerben. Auch hier sind die Preise vor Ort deutlich günstiger. Einige  Kartenausschnitte können aber auch kostenlos von der Homepage des jeweiligen Navianbieters oder in einschlägigen Foren herunter geladen werden.

Straßenbeschaffenheit
Sobald Ihr unsere Autobahnen hinter Euch gelassen habt, wird das Fahren deutlich gemütlicher, was auch an den anderen Verkehrsmitteln ersichtlich wird, die einem auf den Straßen begegnen. Pferdewagen, auch auf Überlandstrassen, zwingen zu einer noch vorausschauenderen Fahrweise. Die überregionalen Straßen sind durchweg in gutem Zustand, selten mit richtig schlechtem Belag.

Da sie aber häufig als Transitstrecken genutzt werden, ist mit dichtem Lastwagenverkehr zu rechnen. Nebenstrecken sind häufig weniger gepflegt, haben Kopfsteinpflaster, sind mitunter unbefestigt und im Sommer oft staubig. Wenn von Risiken für Motorradfahrer die Rede ist, geht es meist um zu hohe Geschwindigkeiten oder um unaufmerksame, zu manchen Tageszeiten auch angetrunkene Autofahrer.

Tatsächlich lauern bei Motorradtouren noch ganz andere Probleme - und zwar direkt auf der Fahrbahn.  Manche Kleinigkeit, die Autofahrer kaum wahrnehmen, bergen für uns Motorradfahrer ernste Unfallgefahren. Das gilt für Schlaglöcher ebenso wie für Straßenbahnschienen – bis 20 cm in St. Petersburg, fehlende Gully und Kanaldeckel, selbst auf Hauptstraßen, mit „Glück“ durch eine hineingestellte Latte „gesichert“, geflickte  Straßenbeläge und schwer erkennbare Ölspuren.

Splittreste in Kurven können schnell zum Verhängnis werden. Um solchen Fallen in der Fahrbahn zu entkommen, ist eine aufmerksame Fahrweise unumgänglich. In den Dörfern gibt es noch häufig grobes Kopfsteinpflaster, mitunter Rollsplitt und Löcher, oft belebt von Hühnern, Gänsen, Hunden, Kühen, Radfahrern, Pferdefuhrwerken und Fahrzeugen, die einer TÜV-Prüfung bei uns nicht standhalten würden. Der nördliche Teil Polens, weite Teile des Baltikums und des nördlichen Russlands sind von der Oberflächenstruktur ähnlich wie unsere norddeutsche Landschaft, so dass kurvige Landstraßen eher seltener anzutreffen sind.

Das bedeutet aber nicht, dass diese Strecken langweilig sind. Im Süden ist das vor allem im Bereich des Riesengebirges, der Hohen Tatra und der Beskiden völlig anders. Obwohl inzwischen einiges für die Infrastruktur getan wurde, sind viele kleine Straßen nicht asphaltiert. Diese können unglaublich variieren und dabei Oberflächen bieten, die z.B. aus Sand, Steinen, Staub und auch Lehm bestehen, der sich nach Regen in Schlamm verwandelt. Wann empfiehlt es sich nun, solche Pisten anstelle einer Asphaltstrasse zu wählen? Meine Antwort lautet: immer, wenn es die Zeit erlaubt und wie viel Zeit Ihr Euch gönnt.

Die Möglichkeiten vervielfachen sich aufgrund der zahllosen kleinen Straßen, die sich Euch erschließen und man kann sicher sein, auf deutlich weniger Verkehr zu treffen. Eine solche Fahrt solltet Ihr entspannt und mit Geduld angehen und vor allem dabei Pausen für die kleinen verschlafenen Orte, Kultur- und Naturdenkmäler einplanen, die am Wege liegen. Die sonst allerwichtigste Tatsache, welches Motorrad Ihr fahrt, spielt dabei (fast) keine Rolle.

Abseits vom Teer – oder Schotter kann Vorteile haben
Viele Schotterpisten können Euch darüber hinaus wirklich helfen, nicht nur Zeit, sondern auch Geld zu sparen! Da das „Ausrauben“ der Bürger dort nicht so profitabel ist, wie entlang der zwei- und vierspurigen Hauptstraßen, der Autobahnen und der üblichen Transitstrecken, werdet Ihr dort eher selten einen Polizisten zu Gesicht bekommen, der behauptet, Ihr seid zu schnell gefahren, obwohl sein Radargerät gar nicht eingeschaltet ist.

Wie wollt Ihr sinnvoll in einer Euch nicht gerade geläufigen Sprache argumentieren, wenn Ihr zur Zahlung einer „Straf“ aufgefordert wirst – so heißt nämlich das entsprechende Wort auch im Russischen und der Polizist zudem Euren Pss und den Führerschein in seinen Händen hält? Ein Vorteil auf den Nebenstraßen ist sicherlich auch der geringere Verkehr. Aber es zahlt sich aus, trotzdem extrem vorsichtig zu sein und daran zu denken, was auf Euch zukommen könnte. Besonders auf Strecken in hügeliger Landschaft sind die Wege oft schmal und gerade so breit, dass zwei Fahrzeuge passieren können.

Diese Straßen sind öffentliche Wege, deswegen darf man sie auch befahren – und andere tun es auch. In der Dunkelheit auf solchen Pisten zu fahren, solltet Ihr tunlichst vermeiden. Wenn es nicht unbedingt nötig ist, auch auf größeren Straßen Osteuropas nicht nachts fahren! Es erfordert Alarmbereitschaft, Konzentration und ein sauberes und klares Visier. Die Gefahr, mit Tieren zu kollidieren, ist in der dunklen Tageszeit weitaus größer. Unbeleuchtete Fahrzeuge und auf der Straße liegende Betrunkene steigern das „Vergnügen“. Das gilt vor allem bei Fahrten am Wochenende. In einigen Gegenden ist allerdings täglich „Saturday Night Fever“.

Auf den kleinen Straßen gibt es nur selten Fahrbahnmarkierungen und normalerweise keine reflektierenden Baken, an denen Ihr den Straßenverlauf ablesen könntet. Manchmal ist es hilfreich, die Lichthupe zu betätigen, anstatt das Fernlicht einzuschalten, weil dann Abblendlicht und Fernlicht gemeinsam leuchten und zusammen für eine bessere Ausleuchtung der Straße sorgen. Bei Dunkelheit ist auch der Straßenbelag schwieriger zu lesen und Ihr fahrt eher nach Gefühl als  tagsüber. Probiert das hin und wieder aus.

Es ist nach meiner Erfahrung eine gute Übung, denn wenn das Motorrad auf etwas reagiert, was Ihr nicht gesehen habt, muss die Kontrolle instinktiv erfolgen. Auf diese Weise könnt Ihr Eure eigenen Fähigkeiten ausbauen. Die Steigerung dazu ist mit Sicherheit eine Regenfahrt bei Dunkelheit!

Tanken
Die Benzinversorgung ist kein Problem, das Tankstellennetz ist im Osten zum Teil deutlich dichter als bei uns, aber nicht immer deutlich gekennzeichnet. Dort hat das Tankstellensterben auch noch nicht eingesetzt. Wer bei uns am Wochenende über kleine Landstraßen tourt, weiß davon gegebenenfalls ein Lied zu singen. An den Durchgangsstrecken sind die Tankstellen gut sortiert.

Zum Teil sind auch Zubehör- und Ersatzteile zu bekommen, oft deutlich günstiger als bei uns. Auch ein Zwischenstopp für einen Imbiss ist dann kein Problem. Ebenso wenig, wenn man als Raucher Nachschub braucht. Die Tankstellen neueren Typs sind, ähnlich unseren, inzwischen aber auch eher Supermärkte, die nebenbei noch Benzin verkaufen. Da an viele Tankstellen auch Werkstätten angeschlossen sind, ist die Chance bei einer Panne Hilfe zu bekommen,
deutlich größer als bei uns, denn noch hat man nicht verlernt, zu improvisieren.

Das gilt auch bei einer Reifepanne. Engpässe kann es auf den kleineren Nebenstrecken geben, vor allem nach 19.00 Uhr. Bleifreies Benzin ist fast überall zu bekommen, für Abstecher in abseitigere Gebiet ist es sinnvoll, rechtzeitig nachzutanken. Zahlungen mit Kreditkarten sind an größeren Tankstellen möglich. An kleineren Tankstellen vor allem in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion ist immer bar zu zahlen, in der Regel auch vorher.

Dort muss auch die gewünschte Menge im Vorwege angegeben und bezahlt werden. Mit der Folge, dass Ihr dann auch alles bekommt, was ihr bezahlt hat, selbst wenn der Tank schon voll ist. Üblicherweise hat das immer ein sauberes Motorrad zur Folge. Deswegen und um den Tankvorgang zu beschleunigen, hat es sich als vorteilhaft erwiesen, bei Reisen mit mehreren auch gemeinsam in einem Durchlauf zu tanken und zu bezahlen.

Übernachtung
Inzwischen findet Ihr ein vielfältiges Angebot. Die Spannweite der Möglichkeiten reicht vom „wilden Campen“ bis zu Luxushotels, deren Preise auch gut Betuchte zucken lassen. Entlang der Straße und in den Dörfern weisen Schilder auf Privatunterkünfte hin. Außerdem kostet Fragen nichts und bringt oft interessante Kontakte. Speziell vor Touristenzentren stehen häufig Menschen an den Einfallsstraßen und bieten Übernachtungsmöglichkeiten. So ist Igor ein guter Freund von mir geworden.

Kriminalität
Seit Anfang der neunziger Jahre kam es in Osteuropa zu einem explosionsartigen Anstieg der Verbrechen. Inzwischen hat sich die Kriminalitätsrate aber auf westliches Niveau eingependelt. Auf dem Lande hat sie glücklicherweise nie die Ausmaße wie in den Großstädten erreicht. Dennoch empfiehlt es sich auch hier, ein wachsames Auge auf sein Hab und Gut zu haben und die Motorräder nicht nur nachts auf bewachten Parkplätzen abzustellen und mit einem zusätzlichen Schloss zu sichern.

Vor allem in den größeren Städten, sowie in Städten mit internationalem Seehafen und im grenznahen Bereich ist es unbedingt erforderlich, verstärkt auf das Fahrzeug zu achten! Die bewachten Parkplätze der Hotels sind auch für Nicht-Hotelgäste zugänglich. Einige Male habe ich mein Motorrad im Hof einer polizeiwache abstellen können.Eine Reisegepäckversicherung kann notfalls nicht schaden. In den Großstädten ist verstärkt auf Taschendiebe zu achten. Wertsachen sollten nie am Fahrzeug bleiben, sondern im Hotel-Safe aufbewahrt oder verdeckt am Körper getragen werden.

Medizinische Versorgung
Die Kostenerstattung durch die Krankenkassen bei Behandlungen von EU-Bürgern ist noch nicht einheitlich geregelt. Eine Auslandskrankenversicherung, bzw. eine entsprechende Bescheinigung der eigenen Krankenkasse besonders für Russland muss dabei sein. Die Erste Hilfe für deutsche Bürger ist in der Regel kostenlos.

Zahlungsmittel
Auch nach dem Beitritt Polens und der baltischen Staaten gelten die lokalen Währungseinheiten, mit dem Euro müssen wir noch warten. Estland wird frühestens 2011 der Eurozone beitreten können, die übrigen Staaten erst später. Es ist aber inzwischen problemlos möglich, mit der ec-Karte an vielen Stellen bargeldlos zu bezahlen, Kreditkarten werden in Banken, großen Hotels, Restaurants und Geschäften akzeptiert. Bargeld kann bei Banken und an Geldautomaten abgehoben werden.

Es muss ein Nachweis über eine für die Länder gültige Krankenversicherung geführt werden. Für Russland werden der Reisepass und ein Visum benötigt. Bei einer Reise durch das Königsberger Gebiet und z.B. nach St. Petersburg sind zwei Visa nötig, da man zwischendurch die jeweils eine Region verlässt und auf dem Weg zur anderen sie baltischen Staaten und damit EU-Gebiet durchquert. Das Visum ist nicht an der Grenze erhältlich und muss rechtzeitig vorher besorgt werden. Dafür ist der Nachweis einer Krankenversicherung und einer Einladung oder einer gebuchten Unterkunft nachgewiesen werden.

Anreise
Zwei der interessanten Reiseziele im „Nahbereich“, Masuren und Schlesien, sind von Norddeutschland aus gut 800 Kilometer entfernt. Die früher üblichen, nicht gerade seltenen Verkehrsstaus an der deutsch-polnischen Grenze gibt es nicht mehr. Aber solche Entfernungen am Stück, überwiegend auf Landstraßen, abzureiten, ist nicht auf jedem Motorrad ein Vergnügen.

Abgesehen davon gibt es auch während der Anreise soviel zu sehen, dass mindestens eine Übernachtung auf der Strecke entspannender ist und so vielleicht doch der Weg das Ziel wird. Ähnliches gilt für die Grenzübertritte in den baltischen Staaten. Etwas anderes ist es bei Einreisen nach Russland, ins Königsberger Gebiet heute Kaliningrad Oblast, nach Weißrussland und auch in die Ukraine.

Da wir in den Bereichen an der EU-Außengrenze sind, werden wir dort weiterhin auf lange Schlangen, lange Wartezeiten und eine meist merkwürdige Stimmung treffen – Erinnerungen an Einreisen in die ehemalige DDR werden wach. Die östlicheren Ziele, Litauen, Weißrussland, Ukraine, die Beskiden in Südpolen sind von Norddeutschland so weit entfernt, wie Norditalien.

Bei einer Reisezeit von weniger als 14 Tagen bietet es sich zumindest bei den nördlicheren Zielen an, für eine oder beide Strecken das vielfältige Fährangebot zu nutzen. Umso entspannter ist die Zeit vor Ort. Ich möchte an dieser Stelle nicht über Reiseart und Reisedauer philosophieren, aber eine Tour in einer Woche oder in zehn Tagen rund um die Ostsee ist eher ein Fall für das Guinness- Buch der Rekorde.

Hervorragende Informationen, immer aktuell, lest Ihr auf der Internetseite zu Russland: www.r-a.ru,
zum Baltikum: www.baltikuminfo.de,
zum selbstorganisierten Reisen im Forum von MRT: www.motorrad-reise-treffen.de
und Motorradkarawane: www.motorradkarawane.de
und ansonsten willkommen auf www.mottouren.de gerne zum Stöbern. Nachvollziehbare Anregungen zu diversen Touren sind mehr als genug vorhanden.

Jürgen „Juri“ Grieschat

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