Mit dem Schiff über die Berge

Auf dem Oberländischen Kanal in Ostpreußen

Früh um acht verlässt die „Kormoran“, das kleine, weiße Passagierschiff den Kai und gleitet auf den kanalisierten Elbingfluss hinaus. Nur schwach ist das Motorengeräusch zu hören, als die Stadtsilhouette vorbeizieht. Etwas verschwommen ragt der schlanke Turm der Nikolaikirche, das Wahrzeichen Elbings, in den morgendlichen Dunst. Am Ufer des Kanals sitzt ein Angler neben dem anderen, still, unbeweglich, wie aufgereiht. Kurze Zeit später öffnet sich der Eblag Kanal, wie der Oberländische Kanal heute heißt, und geht in den Drausensee über, den Jerzy Druzno.

Endlich kommt die Sonne durch und taucht den lang gestreckten See in gleißendes Licht. Das Schilfdickicht, anfangs an beiden Kanalufern, tritt zurück. Stattdessen werden die Seerosen so zahlreich, dass kaum mehr Wasser zu sehen ist. Neben dem Tuckern des Schiffsdiesels werden immer mehr Vogelstimmen laut. Im Gegenlicht sind Fischreiher zu erkennen, die bewegungslos auf Beutefische harren. Mit schwerem Flügelschlag ziehen Kormorane vorbei, die dem Schiff zu seinem Namen verholfen haben. Weit oben, im immer blauer werdenden Himmel, kreisen Störche, die morgendliche Thermik nutzend. In der Ferne ist die Hügelkette zu erkennen, die der Gegend einst zu ihrem Namen Oberland verholfen hat. Deutlich ist zu sehen, dass der See verlandet. Durch ihn ist eine Fahrrinne freigehalten. Tonnen weisen dem Kapitän den Weg. Dann ist der See zu Ende und die „Kormoran“ fährt in einen Kanal ein.

Die ersten Kanäle in Ostpreußen wurden bereits im 14. Jahrhundert gebaut. 400 Jahre später ließ König Friedrich II. die masurischen Seen durch Kanäle verbinden und die Flüsse regulieren. Dadurch konnte Holz billig aus dem holzreichen Masuren in den holzärmeren Norden transportiert werden.

Bald kam der Gedanke auf, diese Seen abzusenken und über eine Wasserstraße mit Elbing zu verbinden. Doch die 104 Meter Höhenunterschied und Geldmangel schienen die Aufgabe unlösbar zu machen, eine schiffbare Verbindung herzustellen.
Ungewöhnliche Aufgaben ziehen aber auch Menschen mit Visionen an. Der fand sich. Der preußische Baurat Georg Steenke arbeitete sieben Jahre an dem Projekt. Anfangs vergebens, denn zur Überwindung des Abstiegs wären Schleusensysteme mit 32 Kammern erforderlich gewesen. Bei der Besichtigung der Bauten am Morriskanal in den USA kam ihm die Idee zur Lösung seines Problems. Doch die enormen anstehenden Kosten ließ die preußische Regierung den Baubeginn hinausschieben. Erst nach einer Audienz bei König Friedrich Wilhelm IV. erhielt Steenke die Zustimmung für den Bau des Kanals.

16 Jahre nach dem ersten Spatenstich, am 28. Oktober 1860, wurde der Oberländische Kanal dem Verkehr frei gegeben und entwickelte sich rasch zur gewünschten Förderung der Region. Das abgelegene Oberland wurde am Gütertransport beteiligt, insbesondere Steinkohle, Salz, Gips, Holz, Getreide, Feldfrüchte und Spiritus wurden transportiert. Als aber immer mehr Eisenbahnstrecken gebaut wurden, erhielt der Kanal eine sehr starke Konkurrenz. Doch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts erfüllte er seine Funktion, wurde auch zunehmend von Kajak- und Segelsportlern genutzt, ebenso begann ein Ausflugsverkehr. Durch die Kriegsereignisse 1945 erlitt die Kanalanlage schwere Schäden und war erst nach längerer Bauzeit wiederhergestellt.1978 wurde die technische Anlage unter Denkmalschutz gestellt.

Inzwischen tuckert die „Kormoran“ aus dem Drausensee in den Kanal ein, der sich deutlich über der umliegenden Niederung erhebt. Dann kommt Unruhe auf dem Schiff auf. Die Passagiere blicken nach vorne, wo der Kanal zu enden scheint. Voraus erhebt sich eine der fünf geneigten Ebenen, die „Rollberge" genannt werden. Das Schiff fährt zwischen zwei aus dem Wasser ragenden Barrieren ein. Auf ein Signal hin setzen sich große Räder in Bewegung, mit ihnen die Barrieren und die zwischen den Gleisen laufenden Seile. Etwas später kommt ein achträdriger Plattformwagen aus dem Wasser zum Vorschein, auf dem sich zwischen den Barrieren das Schiff befindet. Wasser läuft ab, Algen hängen am Wagen. Während der Fahrt bergauf kommt dem Wagen eine identische Lore entgegen. Beide Wagen sind an einem dicken Stahlseil befestigt. Das Seil wird von einer Maschine bewegt, die das Seil auf eine große Trommel wickelt. Sie wird durch Wasser angetrieben, das durch eine Rohrleitung vom Durchstich bei Bedarf auf ein großes Wasserrad fällt. Das Wasser füllt voluminöse Schaufeln, die das Rad bewegen.

Ist der Wagen oben angekommen, fährt er auf den Gleisen ins Wasser, so dass das Schiff aufschwimmen kann, gelöst wird und aus eigener Kraft weiterfährt. 24,5 m lang und 3 Meter breit ist solch ein Kanalschiff. Bei einer Tragfähigkeit von 60 t hat es nur einen Meter Eintauchtiefe. Die Schiffe sind alle gleich gebaut, da sie den Kanal nicht verlassen können, jedenfalls nicht freiwillig. In Buchenwalde verlassen die meisten Passagiere das Schiff, um nach einer Besichtigung der Anlage die Reise zu einem weiteren Ziel ihrer Tour fortzusetzen. Nur wenige bleiben noch an Bord, bis das Schiff am Abend in Osterode am Zielpunkt anlegen. Dort gibt es gute Unterkünfte oder auch die Möglichkeit, mit einem Bus nach Elbing zurückzukehren.
Juri

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