ROTKÄPPCHEN, wo bist Du?

Wenn man seine Kindheitserinnerungen genau durchforstet und auch die eigenen Gedankengänge der jüngeren Vergangenheit mal Revue passieren lässt, wird auch dem eifrigsten Märchenzuhörer auf einmal klar, dass man sich tatsächlich niemals wirklich diese Frage gestellt hat. Oder? Also: „Wo stand dem Rotkäppchen seiner Großmutter ihre Hütte!?“ Keine Ahnung? Eben!

Genauso ging es mir auch. Bis zu dem Tage, an dem der Redaktionsauftrag lautete: „Fahr mal ins Rotkäppchenland!“– „Wohin?“ – „Und mach ein paar schöne Fotos vom Rotkäppchen mit Motorrad!“ – „Nee, is klar…!“ HEIMATKUNDE FÜR FORT¬GESCHRITTENE Da muss man erstmal kurz innehalten, seine grauen Zellen in Vibration versetzen und auch den hintersten Winkel des or-ganischen Großspeichers unter der Schädeldecke nach einem Hinweis oder wenigstens der Spur einer Ahnung durchsuchen. Doch beim besten Willen: Ich habe wirklich keinen blassen Schimmer. Geholfen hätte mir auf jeden Fall, wenn ich gewusst hätte, dass das Rotkäppchen und der böse Wolf ein Märchen aus der Feder der Gebrüder Grimm ist. Und vor allem, dass die beiden Jungs die Stories vorwiegend in ihrem näheren Umfeld von professionellen Geschichtenerzählern aufgeschnappt, gesammelt und aufgeschrieben haben. Und wenn ich mir den Hollywood-Blockbuster „Brothers Grimm“ angesehen hätte, wäre ich bestimmt drauf gekommen, dass es irgendwo in Hessen, genauer gesagt in der Gegend um Kassel und Marburg herum gewesen sein muss.

Schon mal was von Schwalmstadt, Ziegenhain, Knüllwald und Schrecksbach gehört? Nein? Dann wird es aber höchste Zeit! Denn hier ist nicht nur die Heimat des Rotkäppchens, sondern auch eine tatsächlich fast märchenhafte Motorradregion zu finden. VERDAMMT, SO SCHÖN IST DEUTSCHLAND!? So oder zumindest so ähnlich wird es euch unter dem Helm durch den Kopf schießen, wenn ihr euch von der Motorradstraße Deutschland ins Rotkäppchenland führen lasst. Wir jedenfalls hatten tags zuvor das beliebte Sauerland erkundet und machten uns nach einer Tagestour über Willingen, Bad Berleburg, Winterberg, einem Abstecher auf den noch Schnee bedeckten Kahlen Asten, Bad Wildungen und einem äußerst geselligen und sättigenden Abend im Motorradhotel Sassor in Dodenau-Battenberg auf gen Süden, um dem Rotkäppchen nahe zu kommen.

Doch zunächst einmal genießen wir die herrlich geschwungenen Straßen und gepflegten Fachwerk-Dörfer, die idyllischen Täler und sehenswerten Burgen der Lahn-Region, die sich in der Morgensonne von ihrer besten Seite zeigt und mir immer wieder ins Gedächtnis ruft, dass ich die deutschen Tourenregionen bei meinen bisherigen Motorradreisen zu unrecht vernachlässigt habe. Ein kurzer Zwischenstopp auf der Anhöhe der Amöneburg lässt klar werden, warum hier die Rittersleut früher ihre Feste errichteten. Das Umland ist so flach, dass man morgens schon sehen konnte, wer abends am Fuße der Burg sein Begehr vorzutragen gedachte. Entsprechend gut war man auf ungebetene Gäste eingestellt. Eine sensationelle Fernsicht. Wer Spaß am Mittelalter hat, ist ein paar Kilometer weiter, in Alsfeld, genau richtig. Die Altstadt besticht durch brachial monumentale Fachwerkbauten in Wolkenkratzer-Dimension. Nicht zu fassen, was die Menschen damals mit einfachsten Baumitteln zustande brachten. Und vor allem nahezu unglaublich, dass diese Gebäude aus Holz, Steinen und Lehm satte 500 Jahre später immer noch stehen wie eine, zugegeben etwas geschwungene, Eins. Zeit, sich auf dem Marktplatz, direkt gegenüber des Rathauses mitsamt „Pranger“, an dem es sich ein paar Stadtstreicher mit einem Tetrapack Wein freiwillig gemütlich gemacht haben, auf einen Kaffee nieder zu lassen und die Eindrücke aufzunehmen.

Wir haben noch gut eine Stunde Zeit, bevor wir unser Date mit dem Rotkäppchen in Schwalmstadt-Ziegenhain antreten. Die brauchen wir auch, denn das Navi scheucht uns erstmal quer über den Acker. Der Weg wird immer abenteuerlicher. Zwei Traktorspuren in der Wiese reichen dem „Mädchen Kompass“ offensichtlich aus. Na, die Herausforderung nehmen wir mit der Kawasaki Versys doch gern an. Und auch der fotogene Heinz mit der 1400 GTR folgt tapfer. Auf dem immerhin garantiert aller kürzesten Weg erreichen wir das Schwalm-Touristik-Büro in Ziegenhain überraschend pünktlich und haben noch Gelegenheit, im Schatten des dortigen Hochsicherheitsgefängnisses, einen Cappuccino einzufüllen, bevor wir Hintergründiges zum Rotkäppchen erfahren. Tatsächlich waren es die Gebrüder Grimm, die die Geschichte niederschrieben. Inspiriert von mündlich überlieferten Sagen aus den unheimlichen Wäldern rund um die Schwalm und natürlich der Schwälmer Tracht mit dem typischen kleinen roten Käppchen, entstand in den Köpfen von Jakob und Wilhelm Grimm das Märchen vom netten Mädchen, der bettlägerigen Großmutter und dem bösen Wolf.

KNÜLLWALD UND -KÖPFCHEN

Nachdem wir nun also die immense Wissenslücke rund um das Rotkäppchenland auf die beste Art und Weise, nämlich praktische Erfahrung, geschlossen haben, können wir dem Rat der Touristik-Dame folgen und uns Richtung Knüllwald auf die Räder machen. Auf dem geschwungenen Weg hinauf zum Knüllköpfchen vernehme ich auf einmal dumpfes Dröhnen hinter mir. Gespannt blicke ich in die Spiegel, um den mutigen Ducati-Reiter ausfindig zu machen, der sich da mit einem höllischen Tempo nähern muss. Doch weit gefehlt. Hier kommt nichts von hinten, sondern von oben. Ein riesiger Helikopter schwebt im Extremtiefflug über die Baumwipfel und setzt direkt vor uns neben der Straße auf. Sofort öffnet sich die Heckluke und ein Kettenfahrzeug begleitet von acht nebenher joggenden Grenadieren macht sich auf den Weg zum nahen Waldrand. Wahrscheinlich, um dem armen Rotkäppchen im Zwist mit dem Wolf beizuspringen. Jedenfalls wäre das allemal sinnvoller, als langbärtigen Turban¬trägern im Land der Skippetaren nachzustellen. Zum Glück stand ein eifriger Bundeswehr-Soldat mitten auf der Fahrbahn und rettete uns mit der Kelle davor, bei dieser gefechtsmäßigen Landung einfach weggeweht zu werden. Wusste gar nicht, dass es solche fliegenden Ungetüme hier in Deutschland gibt. Schwarzenborn! Na klar. Die Rot-Weiß schraffierte Fläche auf der Karte markiert nicht etwa die nächste Pommesbude, sondern ein großes Truppenübungsgebiet, das sich südlich der 634 Meter hohen Knüll-Spitze erstreckt. Nachdem das Monstrum sich mit ebensoviel Wind wieder erhoben hat, dürfen wir unsere Fahrt fortsetzen. Langsam meldet sich der kleine Hunger und wir hoffen darauf, am Knüllköpfchen eine Pommesbude vorzufinden. Aber außer einem biederen Ausflugslokal und der Jausenbude einer Jugendherberge steht hier lediglich ein rustikales Aussichtstürmchen, welches schon mal einen schönen Ausblick auf den Knüllwald im Osten gewährt. Und die kurvenreiche Anfahrt dorthin.

RUNDE SACHE

Homberg-Efze, wo der Landvogt freundlich grüßt, ist nach der Durchquerung des Knüllwaldes unsere nächste Station. Wieder werden wir geradezu erschlagen von prächtigsten Fachwerkbauten aus der Mitte des letzten Jahrtausends. Ja richtig. Hier prangen Jahreszahlen am Dombalken, die mit einer 15 beginnen. Da müssen wir uns erstmal wieder setzen und uns von der netten älteren Dame aus der Fischbude ordentlich was auf den Teller schaufeln lassen. Hier kann mitten auf dem Marktplatz in prächtigster Kulisse, fürstlich und zu zivilen Preisen, gespachtelt werden. Genau so muss eine Motorradtour enden. Aber soweit sind wir ja noch lange nicht, denn für die Rückfahrt haben wir noch einen kleinen Abstecher zum Edersee und nach Bad Arolsen zum Romantik-Barock-Schloss geplant. Damit die Runde auch rund wird. Genau, wie unsere Bäuche.

0 Bewertungen