Die Elbe - ...ein alter Fluß, neu entdeckt!

Über Jahrzehnte floß die Elbe durch Hamburg und wir machten uns kaum Gedanken darüber, woher sie kam. Nur Schnackenburg, Lauenburg, das Alte Land, Stade, Brunsbüttel, Cuxhaven und die Orte und Landschaften dazwischen waren den meisten bekannt.

Spätestens seit der Öffnung der Grenze wird uns nun allen wieder bewußt, daß der Fluß länger ist als er uns über einen großen Zeitraum begegnete und auch eine Quelle hat, die etwa 1165 km von der Mündung entfernt ist. Diesen Fluß und sein Einzugsgebiet auf einer, besser auf mehreren Motorradtouren zu erkunden, ist ein Traum. Viele Abschnitte, zumindest im norddeutschen Bereich lassen sich bequem und immer wieder in Wochenendtouren erkunden. Für den Anfang der Elbe und vielleicht einen Abstecher nach Prag sollte man sich jedoch mehr Zeit nehmen. Beginnen wir in Spindlermühle, in Tschechien. Dort müssen wir die Motorräder auf einem Parkplatz zurücklassen und nach einer Seilbahnfahrt ein Stück wandern um zur Elbquelle zu gelangen. Auf einer ausgedehnten Hochebene, in einem Hochmoorgebiet im Riesengebirge, unweit der Schneekoppe, in 1386 m Höhe, befindet sich das Quellgebiet der Elbe.

Sie entspringt nicht, wie das bei anderen Flüssen der Fall ist, sondern ihr Wasser quillt an mehreren Stellen aus der Tiefe empor, unaufhaltsam seit Jahrmillionen. Das, was als eigentliche Elbquelle gilt, ist eingefriedet, mit einer kleinen Mauer umgeben, geschützt vor Frevel und Verschmutzung.
Ein kleines Rinnsal verläßt den eingefriedeten Ort, rinnt und sprudelt über Steine und Felsen, durch die Wiesen, eingerahmt von Blumen und niedrigen Sträuchern. Unterhalb der Elbbaude stürzt sich der Bach in ein stilles Bergtal und entschwindet unserem Anblick.Das Riesengebirge ist auch die Heimat von Rübezahl, dem Berggeist, um den sich viele Geschichten ranken. Dieser launische Geselle hat, der Überlieferung nach sein Reich unter der Erde, wo er über die Gnomen wacht, die für ihn die Schätze des Erdinneren zusammengetragen haben. Zuweilen steigt er in vielerlei Gestalt an die Erdoberfläche empor, um mit den Menschen sein Spiel zu treiben. Uns hatte er auf der Anreise einen platten Reifen beschert. Es scheint aber so zu sein, daß er lange nicht mehr in seinem oberirdischen Herrschaftsbereich war, denn sonst hätte er beim Anblick der Waldschäden schon reagieren müssen - oder hat er resigniert?

Wenig erinnert noch an die alte Bedeutung - man kann bei einem Glas Bier darüber nachsinnen - oder auch darüber, wie sich die Elbe verändert hat. Bedeutende Industrien liegen nun an ihren Ufern oder an denen ihrer Nebenflüsse, über die sie auch alle industriellen Abwässer mit ihren Schadstoffen aufnehmen muß, Hexachlorbenzole, Quecksilber, Blei und andere Gifte, die sie von nun an auf ihrem Weg zur Nordsee mitschleppt. Aber viele Menschen, die an der Elbe leben, haben begonnen, sich dagegen zu wehren, daß aus ihr ein Abwasserfluß wird. In weiten Schleifen fließt dann die Elbe durch ein Gebiet, das einst das Böhmische Paradies genannt wurde.

Auf Straßen, die schon bessere Zeiten gesehen haben, erreichen wir den Egerstausee. Zu unserem Erstaunen nimmt er ein riesiges verwahrlost wirkendes Tal ein. Kaum zu glauben, dass die in manchen Gegenden so zierliche Eger ihn speisen soll. Im Hintergrund speien lange Schlote schwarzgraue Wolken aus. Kein erbaulicher Anblick. Das Wasser liegt bleiern, ohne Glanz, die dunklen Wolken spiegelnd. Trotzdem verschlägt es noch Camper hierher, die sich auf zwei Zeltplätzen niederlassen können. Die Sperrmauer hinter uns lassend geht es weiter in Richtung Kadan. Malerisch gelegen, lädt diese Stadt zum Bummeln ein. Da jedoch der Himmel nicht sehr verheißungsvoll aussieht, bleiben die an der Eger gelegenen versteckten Orte heute vor uns verschont.

In zügiger Fahrt legen wir die nächsten Kilometer am Fluß zurück, denn dieser Elbabschnitt ist recht triste: Riesa, Strehla, Belgern, Industrieanlagen wechseln einander ab. In Torgau zieht dann das Renaissanceschloß Hartenfels den Blick auf sich, an einem alten Elbübergang gelegen, mit dem berühmten Bärengraben direkt vor dem Schloßtor. An der Elbpromenade der Stadt erinnert ein Denkmal an ein Ereignis aus der jüngsten Geschichte, das Zusammentreffen der amerikanischen und sowjetischen Truppen, das allerdings nur für dieses Foto an dieser Stelle stattgefunden hat. Schon von weitem ist die Schloßkirche von Wittenberg, der Lutherstadt zu erkennen. An ihrer Tür befestigte 1517 der Augustinermönch Martin Luther seine 95 Thesen, die sich gegen den Ablaßhandel richteten und die, unbeabsichtigt, zum Auslöser der Reformation wurden.

Bei Melnik bekommt die Elbe gewaltigen Zufluß von der Moldau, die an ihrer Einmündung sogar breiter ist als die Elbe. Friedrich Smetana machte sie durch die sinfonischen Dichtung “Mein Vaterland” bekannt. - und ein guter Wein wurde hier angebaut. Fast alle großen Flüsse Europas sind musikalisch gewürdigt worden, nur mit der Elbe ist es in dieser Hinsicht nicht weit her, obwohl sich viele bekannte Komponisten an ihren Ufern aufgehalten haben.
Die Elbe schwenkt nun endgültig in nördliche Richtung ab und zwängt sich durch ein canyonartiges Tal, die Porta Bohemica, die böhmische Pforte. Über Jahrmillionen ist hier eine bizarre Landschaft entstanden, die in der Sächsischen Schweiz ihre Fortsetzung findet und in der die Eindrücke vom Fluß aus ebenso nachhaltig sind wie die Ausblicke von der Bastei, der Festung Königstein oder einem anderen Punkt, egal bei welchem Wetter und zu welcher Tageszeit. Am Ausgang dieses Tales, bei der Stadt Pirna, verändert sich das Gesicht des Flusses deutlich; vor allem die Zellulosefabik von Pirna hatte dazu wesentlich beigetragen.

An Schloß Pillnitz vorbei, gelangen wir nach Dresden. Als die Stadt am 13. Februar 1945 völlig sinnlos bombardiert wurde, mehr als 35.000 Menschen starben und weite Teile Dresdens in Schutt und Asche fielen, schien ihr Schicksal besiegelt zu sein. Doch mit großen Anstrengungen sind viele Gebäude, wie die Semperoper, neu entstanden und es wird weiter restauriert. Dresden und Umgebung lohnen einen längeren Aufenthalt oder - besser - eine eigene Reise.

Wenige Kilometer weiter, in Radebeul, treffen wir auf die berühmte “Villa Schatterhand”, das Haus von Karl May, der sich zu seinen Geschichten zum Teil von der heimatlichen Landschaft inspirieren ließ. 40 m über dem Fluß liegt Meißens herausragender Gebäudekomplex, die Albrechtsburg mit dem Dom. Hierher ließ der Kurfürst von Sachsen, der immer in Geldnöten war, einen Alchemisten bringen, der vorgegeben hatte, Gold herstellen zu können. Er schaffte es auch, es wurde allerdings ein anderes Gold als geplant, das “weiße Gold”, das Meißen berühmt machte und das durch die blauen Schwerter gekennzeichnet ist. Die Porzellanmanufaktur zu besuchen ist ein Muß.

Bei Dessau mündet, an einem idyllischen Abschnitt, die Mulde in die Elbe. Doch hier ist es nur auf den ersten Blick idyllisch - das, was uns nahe der Stadt an einem Wehr erwartet, stimmt nachdenklich. Nur 30 km entfernt befindet sich das Braunkohlerevier von Bitterfeld, ein deprimierender Abstecher. Die nächste große Stadt am Fluß ist Magdeburg mit einem beeindruckenden Dom. In ihm befindet sich, nahe der Stelle, an der die Fürbittgebete stattgefunden haben, eine berühmte Plastik von Ernst Barlach, an der man bei genauem Hinsehen erkennen kann, weswegen er während der Nazizeit Berufsverbot hatte.Aus der flachen Elblandschaft ragt Tangermünde heraus, eine der schönsten geschlossenen Backsteinstädte im Norden Deutschlands.

Wittenberge ist eine bedeutende Industriestadt und sie hat die letzte Elbbrücke vor Lauenburg. Ab hier erstreckt sich der Teil der Elbauen, die im Gespräch sind, Naturschutzgebiet zu werden.
Die nächsten Flußkilometer sind uns schon geläufiger: Dömitz, Lauenburg und Geesthacht, bei Flußkilometer 585,8 mit der bisher einzigen Staustufe auf deutschem Gebiet. Diese Staustufe sorgt für einen geringeren Abfluß des Elbwassers im Mittellauf und verhindert ein weiteres Auflaufen der Tide, die hier bis 2 m betragen kann.

Unterhalb der Staustufe beginnt dann eine ganz andere Elbe: In den 60er Jahren sind im Zuge der Begradigung und Verkürzung der Hauptdeichlinien vor allem im Unterelbe-bereich ökologisch wertvolle Vordeichländer verloren gegangen. Da diese Flächen als Überflutungsreservoir fehlen, laufen die Hochwasser inzwischen deutlich höher auf und die Deiche müssen immer wieder erhöht werden. An vielen Stellen der Unterelbe sind deshalb von den Häusern die Obergeschosse und von den Bäumen nur noch die Wipfel zu sehen. Der Hamburger Hafen bildet einen großen Einschnitt im Verlauf der Elbe, denn ab hier haben die Schiffe zum Teil gewaltige Ausmaße. Innerhalb von Stunden sind, nicht zuletzt wegen der hohen Liegegebühren, die Schiffe be- und entladen. Die Elbe gehört mit ca. 65.000 Schiffen im Jahr zu den meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt. Deswegen dürfen sie Schiffe ab einer bestimmten Größe auch nur mit Lotsen befahren, die unterwegs zweimal wechseln.
Bei Cuxhaven ergießt sich die Elbe in einer breiten Trichtermündung in die Nordsee und hat ihr Ziel erreicht. Weit schweift der Blick in die Ferne und bei dem Blick in den riesigen Himmel, mit den gewaltigen Wolken, zieht noch einmal eine wunderschöne Reise vor unserem geistigen Auge vorbei.

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