Andalusien - von der Sonne verwöhnt

Dass es ein Land voller Gegensätze ist, wird manchem erst bewusst, wenn er es wieder verlässt. Wenigstens drei Andalusien kann man unterscheiden, das der Berge, das der Ebene und das des Meeres.
Das „Meer-Andalusien” ist die Domäne des Tourismus geworden. Westlich und östlich unseres Startpunkts Malaga reihen sich zwischen Huelva und Almeria die Orte wie Perlen auf einer Schnur auf. Die Costa del Sol und die Costa de le Luz leben vom Tourismus.

Aber an der Costa del scheiden sich die Geister. Individualisten runzeln die Stirn, sehen endlose Strände mit sonnengeröteten Bäuchen, zubetonieren Küstenstreifen.
Wer unter „Urlaub” einen Strand versteht, den er für sich ganz allein haben möchte, der braucht an der Costa del Sol nicht zu suchen. Costa del Sol bedeutet, den Urlaub immer in Gesellschaft zu verbringen. Kürzeste Wege zwischen Bungalow und Tennisplatz, ein Gläschen am Jachthafen, ein Volleyballturnier am Strand und lange Nächte nach ausgedehnten geselligen Abendessen. Bausünden aus der Pionierzeit des Massentourismus sind die Kehrseite der Medaille. Doch das größte Urlaubsgebiet Europas arbeitet an seinem Image.

Küstenorte und Hinterland sind meist scharf getrennt. Umgehungsstraßen leiten den Verkehr um die stark gewachsenen Fischerdörfer, die ihre Promenaden für die Touristen herausputzen.
Wir verlassen zügig die von der Sonne verwöhnte Küste und erreichen gleich dahinter ein Land, von dem Individualisten nur träumen können, mit ihnen Kulturbegeisterte, Genießer, Romantiker und Motorradwanderer. Nur wenige Kilometer von den Touristenzentren Torremolinos, Marbella, Estepona und Sotogrande entfernt, relativiert sich das Bild des bei vielen Urlaubern verrufenen Küstenstreifens. Kurvenschwingend zeigt sich uns auf dem Weg nach Ronda ein ganz anderes Andalusien.

Ronda, 120 Kilometer westlich von Malaga gelegen, ist eine malerische Stadt. Seine Lage auf einem felsigen Hochplateau, das von der tiefen Schlucht des Tajo durchbrochen wird, sucht ihresgleichen. Die Ausblicke sind überwältigend. Für einen Spanier ist Ronda eine nationale Institution, hier stand die Wiege des Stierkampfes, so wie wir ihn heute kennen, und hier befindet sich die älteste Stierkampfarena des Landes.
Der Schlachtruf des spanischen Bürgerkrieges “Viva la muerte” - es lebe der Tod - ist auch das Motto des Stierkampfes. Der Torero Pedro Romero soll zwischen 1771 und 1800 hier mehr als 5.600 Stiere getötet haben.
Neben Orson Welles lockte der Stierkampf auch Hemingway hierher. Hier bewunderte er seinen Freund, den großen Torero Antonio Ordonez, hier holte er sich Anregungen für seine Erzählung „Tod am Nachmittag” und schrieb: „Wenn es mit Euren Flitterwochen nicht klappt, wenn Euch in Ronda die Eskapade nicht glückt, dann geht lieber und sucht eine neue Liebe.“

Eine Rilke-Straße, eine Libería Rilcke, ein Rilke-Denkmal erinnert daran, dass der große Dichter hier einen Winter verbrachte – das mag vor allem von Interesse für Kulturtouristen aus deutschen Landen sein. „Der Fluß in seinem schluchtigen Abgrund spiegelt die zerissenen Lichter des Himmels”, schrieb Rilke 1912. Er lebte im Zimmer 208 des Hotels Reina Victoria. Hier schrieb er auch die ersten Verse zu seiner „sechsten Duineser Elegie”. Wir bleiben in Ronda über Nacht, denn so entgehen wir den großen Karawanen der Touristenbussen. Nach 18.00 Uhr gehört uns das weiße Ronda allein – uns und den Einheimischen.
Verlässt man Ronda auf dem Weg nach Norden, Westen oder Südwesten, liegen in den Bergketten zwischen den Ebenen des Nordens und dem Meer - Andalusiens weiße Dörfer.

Diese Traumstraßen Andalusiens erfüllen die Sehnsucht des Reisenden, Neuland zu entdecken und das bedeutet hier: Fahrspaß ohne Ende. Dann, versteckt hinter dem nächsten oder übernächsten Bergkamm, erreichen wir unser Dorf der Träume. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. In den lautlosen Gassen ist der Rhythmus zwischen Bett, Altar und Acker seit Jahrzehnten derselbe. Kleine Hotels bieten das oft so gesuchte und nur noch selten zu findende einfache Leben, sind für den Abend Orte der Ruhe und Erholung. Das Glas Rotwein in der Abendsonne auf der Terrasse – uns kann es gut gehen!

Immer weiter nach Süden, auf dem Weg zum Meer an der „ruta de los pueblos blancos“, der „Straße der weißen Dörfer“, liegt Castelar de la Frontera. In der verlassenen Maurenburg leben heute Zivilisationsflüchtlinge aus allen Teilen Europas. Der Reichtum der Landschaft wechselt zu Korkeichen. Alle acht bis zehn Jahre wird der weiche, nachwachsende weibliche Kork gewonnen, Verwendung findet er natürlich als Flaschenkorken und zahlreichen weiteren Anwendungen, in den letzten Jahren verstärkt auch als natürliches, nachwachsendes, wärmedämmendes und schallisolierendes Baumaterial.

Über die korkreichen Wälder ragt der Felsen von Gibraltar heraus. Seit dem Frieden von Utrecht 1713 ist Gibraltar britisches Territorium. Der Affenfelsen war bis 1982 von Andalusien aus nicht zu erreichen, weil Spanien die Grenzen schloss, um die Rückgabe zu erzwingen. Drei Religionen, Juden, Christen und Moslems, leben an diesem kriegerischen Ort friedlich zusammen, verbunden durch gemeinsame Geschäfte. Der von Wehranlagen durchwühlte und ausgehöhlte Felsen ist im Zeitalter der Atomwaffen ein Anachronismus aus dem Wehrdenken vergangener Epochen.

Der Araber Tarik kam hier zu einem Späh- und Beutezug über das Mittelmeer nach Al Andalus, das Land der Vandalen. Die Mauren blieben 800 Jahre.
So viel Zeit haben wir nicht, deswegen zieht es uns weiter nach Westen, nach Tarifa und dann über Cadiz nach Jerez, später in die Region von Sevilla, Cordoba, Jaen, Granada und rund um die Sierra Nevada zurück nach Malaga.
Der Dunst des Mittelmeeres ist plötzlich wie weggeblasen, Afrika zum Greifen nahe. Fährt man auf Tarifa zu, begreift man augenblicklich, woher die „Küste des Lichts” ihren Namen hat. Auf den Bergen recken sich Europas größte Windkraftwerke in der Flugschneise der Zugvögel – in der ständigen Brise, die den Himmel über Spaniens südlichsten Punkt so rein hält. Der stets wolkenlose Himmel gab der spanischen Atlantikküste zwischen Huelva und Tarifa ihren Namen.

Zum gleißenden Sonnenlicht gesellt sich ein stetiger Wind vom Meer, so dass es hier nie so heiß wird wie im Landesinneren. Diesem erfrischenden Wind, der die Luft an der Küste des Lichts so klar und durchsichtig macht, sagt man nach, dass er den Menschen mit der Zeit den Verstand raube. Für Windsurfer stimmt da allemal: Wie verrückt kreuzen sie von den Stränden zwischen Tarifa und Cadiz. Die Spezis fahren sogar mal hinüber nach Marokko auf einen Tschai Nana.
Noch vor gut 30 Jahren war die Arbeitslosigkeit in den andalusischen Fischerdörfern extrem hoch. Dort, wo die Maurenburgen den Hotelburgen gewichen sind, herrscht ein gewisser Wohlstand auf Kosten eines Lebens in Freiheit und Einklang mit der Natur. Zwölf Stunden Arbeit am Meer bringen oft nur wenig ein, doch dafür weht der Wind der Unabhängigkeit vom Trinkgeld der Touristen. Die Fische werden versteigert. Der Meistbietende bringt sie in die Städte des Nordens, solange es noch Fische gibt.

In den Wintermonaten und im Frühjahr erfüllen sich die dramatischen Stimmungen dieser Traumstraße am Ende der Welt, wie diese Landschaften Andalusiens genannt werden. Seit Menschengedenken werden in den flachen Buchten der Ostküste Fische gefangen und Salz gewonnen.
Die Hofflächen entlang der Straße werden immer größer. Latifundien von 15.000, 20.000 und mehr Hektar sind nicht selten. Wir halten an und sehen sie. Es ist beeindruckend, auf fast unbegrenzter Weide die schwarzen oder braunen Stiere zu beobachten, mit Stolz gezüchtet für den Einsatz in der Arenen. Spaniens beste Kampfstiere stammen aus Andalusien.
Diese Kampfstiere verdienen die aus Furcht und Verehrung gemischte Bewunderung, mit der sie umgeben werden. Sie sind Monumente von großer, geschlossener, nuancenreicher Form. Ob sie liegen, stehen oder gehen, stets gefallen sie mit ihrem vollen, harmonischen Maß. Ihr schwarzes Fell – die meisten Kampfstiere sind schwarz – glänzt wie Samt; es strahlt Jugend und Gesundheit aus. Noch stärker ist der Eindruck urtümlicher, ungebrochener Kraft, die sich in ihrem Nacken ballt und in mächtigen, geschliffen spitzen Hörnern ausläuft. Das weiche, feuchte Maul verrät Feingefühl. Die Augen blicken ruhig und klug.

Wir passieren weiter endlos erscheinen Weiden, Ackerflächen, riesige Sonnen-blumenfelder und schließlich Weiberge. Das, was die Bedeutung von Jerez ausmacht, ist unsichtbar. Es ist die Stadt des Weines, der spanisch Jerez und nach einer englischen Verballhornung seines Namens Sherry genannt wird. Der englische Seeheld Sir Francis Drake, für die Spanier einfach nur ein Pirat, hatte 1594 bei einem Angriff auf Cadiz auch Wein aus Jerez erbeutet und die Engländer daheim auf den Geschmack gebracht. Weil sie das Wort nicht aussprechen konnten, tauften sie den schweren Wein Sherry – und kamen wieder.
Nach und nach kauften Engländer große Weingüter aus und bauten ihre hochherrschaftlichen Stadtvillen mit den Weinkellern, von denen man einige besichtigen kann. Harveys, Byass, Domeca, Babadilla und Sandeman gehören zu den bekanntesten dieser Bodegas.
Man kann sie riechen, denn wie manche deutsche Orte zu gewissen Zeiten nach frischgebrautem Bier duften, so duftet Jerez nach Wein. Dabei ist dem Kenner Recht zu geben, nach dem es nicht nach verschüttetem Wein, sondern nach dem Geist des Weines riecht, der in den Fässern der Bodegas lagert und sich durch die Poren der eichenen Fassdauben in einer feinen Aura kundtut.

Weil die Hefe in den Sherryfässern Sauerstoff zum Atmen benötigt, wird der Sherry in ebenerdigen Bodegas gelagert. Fast alle Fässer sehen gleich aus, sind gleich groß, da prunken keine Riesenfässer. Die einzige Ablenkung beim Abschreiten der Fassregimenter, deren Jahrgänge diskret aufgerufen werden, ist eine besondere Ecke, in der Spinnweben gezüchtet werden und hinter Glas mit Eifer die kostbar gefasste Kreide aufbewahrt wird, mit der eine Majestät ihren Namenszug auf einen Fassboden schrieb. Daraus entsteht auch Brandy. Und so ein Carlos I. kann den Abend zum Feierabend machen. Dichter haben den Brandy von Jerez besungen, Sachverständige haben ihn analysiert. Das Beste darüber sagte aber ein Besucher, der in einer der Brandy-Kathedralen Fass an Fass und Fass über Fass stehen sah: „Wie viel Konversation liegt hier!”

Jerez ist auch die Stadt der Pferde, die sich durch arabische und andalusische Blutsverwandtschaft auszeichnen. Sie sind Wappentiere, Kampfgefährte und lebendes Kapital, von Herrschern und High Society in aller Welt. Pferde gehören bei allen Festlichkeiten dazu und sind auch Markenzeichen für den besten Sherry der Welt aus Puerto de Santa Maria. Die spanische Hofreitschule erlebte in Jerez durch staatliche Förderung eine Auferstehung in ihrer ursprünglichen Heimat. Die Bilder von Stieren und Pferden im Kopf, ein Glas Wein in der Hand beschließen wir den Tag mit einem Flamencoabend.Wir stoppen in Sevilla, Andalusiens Hauptstadt. Das Wahrzeichen, ein umbautes Minarett, dient als Glockenturm der Kathedrale. Spanischer Katholizismus verbindet in der Karwoche die Bewohner der Stadt. Mystische Inbrunst herrscht bei der Prozession.

Millionen Nadelstiche des Leidens für den Mantel Marias und Tausende von Plissèfältchen der Freude an den Festtagen der Feria de Avril. Fünf Tage lang gleicht die Stadt einem einzigen Festzelt. Andalusische Lebensfreude als verbindendes Glied der Geschichte arabischer und christlicher Kultur und immer wieder das aufregendste, vitalste Erbe, der Flamenco. Aufbruch am Morgen. Langsam senkt sich die Straße in das breite Flusstal des Guadalquivir. Dort war im 9. und 10. Jahrhundert die Stadt Cordoba der Mittelpunkt Europas. Eine Million Menschen bevölkerte die Stadt, als die Zentren des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, Köln und Aachen, gerade ein paar tausend Einwohner zählten. Eingebettet in fruchtbare Felder, blühten Handel und Kultur. Die Mesquita ist eine gewaltige Moschee, in deren Mitte die christlichen Eroberer im 15. Jahrhundert eine Kirche errichteten. Doch welcher Geist in Cordoba wehte, davon zeugen die Namen von Toren und Höfen: Tor der Palmen, Pförtchen der Milch und Hof der Orangenbäume. Für uns öffnet sich eine Welt der Verständigung zwischen zwei Kulturen.

Über Jaen fahren wir weiter nach Granada. Beiderseits der Straße wächst anda-lusischer Reichtum. Phönizier, Griechen, Römer und Vandalen kultivierten das Land, doch die wichtigsten Nutzpflanzen sind maurischen Ursprungs. Als das sagenhafte Reich der Mauren der christlichen Rückeroberung zum Opfer fiel, blieben nicht nur 1.500 Worte maurischen Ursprungs zurück, sondern auch Orangen, Oliven, Mandeln und Baumwolle.
Unsere Fahrt durch die Ebenen am Fuße der Sierra Nevada bringt uns an der Renaissanceburg La Lahorra vorbei, die als einzige ihrer Art nicht von den Mauren gebaut wurde. Abseits der großen Routen, besonders in der Sierra Nevada, sind die Straßen Andalusiens rauh, eng, nicht immer einfach zu befahren.
Dann bringt uns die Straße bis nahe an den 3481 m hohen Gipfel des Mulhacen heran. Er ist der höchste Berg Spaniens. An seinen Hängen liegt Europas südlichstes Skigebiet. An diesen Berghängen, in 1.500 m Höhe, liegen jene Bergdörfer, die Andalusiens berühmtesten Schinken hervorbringen. Im Dorf Trevelez wurde das gepökelte Fleisch den eisigen Winden ausgesetzt oder im Schnee vergraben, damit er seinen besonderen Geschmack erhält.

Heute erleichtern Kühlhäuser die Arbeit. Wir fahren hinunter nach Granada. Die in einer oasenähnlichen Ebene am Fuße der Sierra Nevada liegende Stadt, wurde nach dem Granatapfel benannt. Auf drei Hügeln, gleich drei Apfelspalten, erstrecken sich die Stadtdrittel. Über allem thront die Alhambra, die Residenz des Königshauses der Nasriden aus dem 14. und 15. Jahrhunderts. Der letzte Nasridenkönig Bobdil übergab am 2. Januar 1492 die Stadt kampflos den Christen. Die Tränen schossen dem Mauren in die Augen, als er auf der Anhöhe Suspiro del Moro ein letztes Mal auf die Stadt blickte.
Ein Spruch, am Pulverturm zur Festung eingemeißelt, bittet um Gaben für die blinden Bettler: „Gib ihnen ein Almosen, Weib, denn nichts in der Welt kommt dem Schmerz gleich, blind zu sein in Granada.“ Kein anderes Bauwerk, auch nicht die Mesquita von Cordoba, ist im Bewusstsein aller so untrennbar mit Andalusien verknüpft wie die Alhambra von Granada.

Durch ihre Existenz erinnert sie stets aufs Neue an das glanzvolle maurische Erbe des südlichen Spaniens.
Aber sie ist mehr als ein Stein gewordenes Memento: Diese einzige in ihrer Gesamtheit erhaltene Palastanlage der moslemischen Welt ist – vom indischen Taj Mahal abgesehen – wohl der schönste Profanbau der islamischen Architektur überhaupt. Es ist ein Erlebnis ohne gleichen, durch die Räume zu wandeln, den Duft der Blumen zu riechen, das satte Grün zu sehen, dem Plätschern der Wasserspiele zu lauschen.
Es ist nicht leicht, Andalusien gerecht zu werden und schon gar nicht, es in wenigen Tagen oder Wochen zu bereisen, deswegen zum Abschluss das Zitat des maurischen Gelehrten, Ibn Batutah, aus der Mitte des 14. Jahrhunderts: Andalusien ist ein Land, wo der Lohn für den, der sich dort aufhält oder dorthin reist, hinterlegt ist”.

Jürgen „Juri“ Grieschat

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